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Sprachliche Begegnungen zwischen Deutschen und Serben
Resumé
Wolf Oschlies, Köln
Der in Serbien vor dem 24. September tobende Wahlkampf hätte auch politisch desinteressierte
Deutsche aufhorchen lassen. Von fusnota, slagvort, lajtmotiv, malo morgen, blic krig, cajtnot und
anderem war da die Rede ­ deutsche Wörter also die in serbischen Sprachkonventionen heimisch sind.
Die schönste Begegnung dieser sprachlichen Art spielte sich im mittelserbischen Kragujevac ab:
Milosevic versprach den Zuhörern den Himmel auf Erden ­ Zoran Djindjic, Wahlkampfleiter der
Demokratischen Opposition Serbiens (DOS), höhnte, der Staatspräsident und sozialistische Parteichef
habe in der Autostadt Kragujevac ein Fahrzeug präsentiert, das nur im rikverc liefe, also im
Rückwärtsgang.
Alle osteuropäischen Sprachen sind seit Jahrhunderten voll mit Germanismen, und der moderne
rikverc ist ein sprachlicher Nachfahre des mittelalterlichen spilman, der 1262 in serbischen
Gesetzbüchern auftauchte, vermutlich wegen seiner Vorliebe fürs trinkati. 1389 verlor Serbien die
Schlacht auf dem Amselfeld und mußte sich für rund 400 Jahre unters Osmanische Joch beugen ­
sagen alte Heldenlieder und neuere Historien, obwohl es für diese "Schlacht" keine stichhaltigen
Zeugnisse gibt. Dafür gibt es anderes: Deutsche Autoren wie Sebastian Brant und weitere, die schon
im 15. Jh. ihr Bedauern über den Verlust Serbiens artikulierten, deutsche reisende, die früh das Leben
der ser surfen unter den neuen Verhältnissen in Sirphien oder Rascien schilderten, und Deutsche, die
dieses Leben ganz direkt teilten ­ als sasi (siebenbürgisch-sächsische Bergleute) oder als purgari
(Bürger) in serbischen Siedlungen. Aus jener Zeit stammt auch das erste deutsch-serbische
Wörterbuch, verfaßt 1499 von dem Kölner Arnold von Harff. Diese Reisenden kamen oft als
Abgesandte deutscher Handelshäuser, die neue Kontakte zu den Osmanen knüpfen sollte, dabei aber
auch Leben und Sprache von deren serbischen Untertanen beobachteten. Berühmtes Beispiel dafür
sind Aufzeichnungen des Fugger-Beauftragten Hans Dernschwamm, die dieser 1553 bis 1558 vor Ort
machte und dabei sehr exakt zu Werk ging: "Die alle langschafft bis gen Nisse (= Nis) in Servia, die
(...) inwoner nennen sich Serby (...) Bis gen Nissa (...) redt man auf dem landt noch serwisch".
Die folgenden Jahrhunderte waren eine Periode der Kämpfe und Niederlagen, wobei Serben und
Deutsche einen engeren oder ferneren Kontakt hielten. In direkte Nähe kamen sie, als die Habsburger
Monarchie im frühen 16. Jh. die legendäre Militärgrenze schuf, die durch serbische Flüchtlinge
(Uskoken) initiiert und durch einen wachsenden Zustrom von Serben gehalten und ausgebaut wurde.
Wer als Serbe unter Habsburg reüssieren wollte, mußte Deutsch lernen; dafür gab es ab dem mittleren
18. Jh. eigene Lehrbücher, und davor und danach den permanenten Kontakt im Alltag. Deutsche wie
Alexander Friedrich Rosenfeld (Roda Roda) haben ihn beschrieben, Serben wie Jovan Jovanovic Zmaj
und Branislav Nusic ihre sprachlichen Folgen dokumentiert ­ beide in überwiegend witziger Form, die
den ironisch verbrämten Respekt voreinander illustrierte. Dieser Respekt bestand auch in Deutschland
selber, wo er z. B. aus den Karten und Büchern des Geographen Anton Friedrich Büsching deutlich
wurde.
Im frühen 19. Jh. errangen die Serben als erste ihre Befreiung von den Osmanen, wie Leopold (von)
Ranke 1829 in einem Buch Die serbische Revolution detailliert und anregend beschrieb, wobei er alle
nötigen Informationen und Kokumente von dem Serben Vuk Stefanovic Karadzic bekommen hatte.
Diese Kooperation war signifikant für serbisch-deutsche Kulturnähe, die gerade in jener Zeit auf
besonderer Nähe stand: Serben wie Dositej Obradovic machten ihr Volk mit deutschen Dichtern wie
Lessing und Wieland bekannt, über den Slowenen Jernej Kopitar drangen die Ideen und Weisungen
Herders bis zu den Serben vor, Schiller, später Goethe wurden zu Lieblingsautoren der Serben. Ein
selten gut funktionierendes Geflecht kultureller Bereicherung bestand damals zwischen Serben und
Deutschen: Goethe übersetzte altserbische Lieder, Herder publizierte die Übersetzungen in seinen
Volksliedsammlungen, in ständigem Kontakt mit Jakob Grimm startete Vuk Karadzic die große
Reform serbischer Sprachkonventionen ("Schreib wie du sprichst, und sprich wie es geschrieben
steht"), der sich 1850 auch die Kroaten anschlossen. Die entsprechende Erklärung begann mit einem
gemeinsamen Bekenntnis zur ethno-lingualen Einheit beider, die Ranke schon Jahrzehnte zuvor, hierin
der noch älteren Idee des Jugoslavismus folgend, postuliert hatte: Südslaven sind ein Volk, sprechen
eine Sprache und wollen in einem Staat zusammenleben.
Das romantische Verhältnis der Deutschen zu den Serben in der ersten Hälfte des 19. Jh. wurde in der
zweiten durch eine verwirrend andersartige Entwicklung abgelöst. Einerseits lernte man sich genauer
kennen, da zahlreiche Deutsche nach Serbien kamen, als zeitweilig Beschäftigte oder als dauernde
Siedler; auch weiteten sich Zahl und Vielfalt der Publikationen über den jeweils anderen enorm aus.
Andererseits kollidierten die auf beiden Seiten wachsenden Nationalismen, kam auf deutscher Seite
die Neigung auf, den ganzen Balkan als die Heimstatt kleiner, wilder und primitiver Völker zu sehen,
denen erst deutsche Vormundschaft zu Kultur und Zivilisation verhelfen würde. Das wiederum bewog
die Serben, bei aller Wertschätzung für deutsche Eigenschaften und Leistungen doch die eigenen
Sympathien mehr auf Rußland zu konzentrieren ­ was dann wiederum österreichischen Verdacht einer
panslavischen Allianz zwischen Serbien und Rußland näherte. Dieser Verdacht ist bis zur Gegenwart
nicht nur nicht ausgerottet, vielmehr zur Leitlinie westlicher Balkanpolitik geworden.
Das frühe 20. Jahrhundert verstärkte diese Mißverständnisse noch, da serbische Ereignisse vorwiegend
negativ ("Königsmord" 1903 u. a.) perzipiert wurden, was dann 1914 nach den "Schüssen von
Sarajevo" auch zu jenen diplomatischen Verwicklungen auslöste, die kurz darauf zum Ersten
Weltkrieg führten. Dieser Krieg war für Serbien schrecklich, für das deutsch-serbische Verhältnis aber
in einer weiteren Sicht fruchtbringend: Die militärische Präsenz der Deutschen hatte auch einen
enormen kognitiven Effekt, da vielfach Wissenschaftler zum Einsatz kamen, deren Bemühungen auf
geistes- und naturwissenschaftlichem Gebiet einen hohen Ertrag zum besseren Erkennen serbischer
Menschen und serbischer Kultur hätten bringen können, wären sie nur in angemessener Form
publiziert worden. Heute muß man sie in abgelegenen Reihen und versteckten Archiven aufspüren.
Nur wenigen sind die berühmten Autoren, wie z. B. Weiland, noch ein Begriff, am wenigsten
Hermann Wendel (1884-1936) der beste Balkan-Kenner, den Deutschland, ja Westeuropa je besaßen.
Wendel war der erste Deutsche, der nach dem Ersten Weltkrieg Serbien (Jugoslawien) nicht nur
besuchen durfte, sondern dort auch mit einem Ehrendoktor der Belgrader Universität geehrt wurde.
Warum auch nicht? Wendel verband eine profunde Landes- und Menschenkenntnis mit einem
schwärmerisch überhöhten Bild von den Serben. Anders als Kroaten und Bosnier, mit denen sie zwar
"ein Volk" bildeten, seien die Serben echte Demokraten, die früher unter deutschem Kultureinfluß zu
schönster Höhe gewachsen waren und nun die Einigung der Südslaven nach dem Vorbild der
deutschen Einigung betrieben etc.
War Wendel, der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete, ein apolitscher Romantiker? Partiell
war er das gewiß, aber zumindest ein kulturpolitischer Romantismus war im Jugoslawien des 20.
Jahrhunderts immer präsent ­ von den 20er Jahren, in denen man (ungeachtet aller politischer
Konflikte) die jugoslawische Kultur als die höherwertige Synthese nationaler Kulturen bei Slowenen,
Kroaten und Serben ansah, bis hin zu Titos Bratstvo ­ Jedinstvo. Erst danach begann die aggressive
Fragmentierung der Südslaven in Kleinstaaten, die sich im Felde bekriegten und in der Kultur
voneinander absetzten. Wenn also die Thesen Wendels und seiner jugoslawischen Freunde an der
Wirklichkeit vorbeigingen ­ um wieviel falscher sind dann die gegenwärtigen Konzepte der Tudjman,
Milosevic und anderer Kriegsverbrecher in Ex-Jugoslawien? Als die Völker des zentralen Balkans
1850 in Wien ihre ethnische und sprachliche Nähe besiegelten, waren sie erheblich weiter als jene, die
heute eine "serbische", "kroatische", "bosnische" etc. Sprache postulierten und aus dem sprachlichen
Separatismus interethnische Andersartigkeit, Feindschaft und nationalistische Überheblichkeit
begründen.
Eine Zukunft hat das alles nicht, und die Sprache verrät es uns einmal mehr. Der jüngst von Vinko
Bresan (Zagreb) gedrehte Film Marsal wurde in der ganzen ex-jugoslawischen Region als erste
Schwalbe sprachlicher Einheit nach Jahren nationalistischer Trennung angenommen. Und die bei
Serben, Kroaten, Bosniern etc. vorhandenen Germanismen sind in allen Bereichen von der Politik über
die Mode, die Küche, die Technik und andere ein zwar indirekter, aber nachhaltiger Beweis dieser
Einheit. Und ein attraktiver Beleg dafür, daß ungeachtet momentaner Unstimmigkeiten in der
historisch gewachsenen deutsch-serbischen Kulturnähe noch lange kein fajront eingetreten ist, kein
Feierabend also.

   

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